• Petro Sóroka: Brief-Schreiben

    Petro Sóroka: Brief-Schreiben

    Lieber Vater Johannes!

    Sie öffnen mir Geheimnisse und die Weisheit der Welt, die ich so beharrlich viele Jahre gesucht und nicht gefunden habe. Mein Herz ist voller Liebe und Dankbarkeit – und diese Gefühle führen meine Hand.

    Ich bin Schriftsteller und schreibe mein ganzes bewusstes Leben Bücher, von denen es heute ungefähr hundert sind. Aber ich bin auch ein allesfressender Leser – so wie ich meine, in einem wesentlich größeren Maße, als ein Literat. Dank dem dynamischen Lesens, gelingt es mir jährlich mehr als fünfhundert Bände durchzuschaufeln. Als ob mich eine gewisse höhere Kraft zu solch einem besinnungslosen und wahnsinnigen Handeln programmiert hat. Aber ich schreibe das nur, um zu sagen: die von Ihnen geschriebenen Bücher sind für mich zur allergrößten Erschütterung und Offenbarung meiner reifen Jahre geworden. Alles bis dahin Gelesene ist als wäre es in den Hintergrund getreten und verblasst.

    Nichts hat mich so tiefgründig umgepflügt, so gnadenreich verändert, wie Ihre Tagebücher. Ich zähle es als großes Wunder und Glück, dass sie mir zugeflogen kamen, wie himmlische Vögel, und ich von ihnen fast rund um die Uhr Weisheit und Wissen schöpfen kann. Ich hoffe auch, dass ich dies bis ans Ende meiner Tage tun werde. Und sollte ich es nicht rechtzeitig schaffen alles von Ihnen Geschriebene zu lesen (die Anzahl der herausgegebenen Folianten erreicht ein halbes Tausend), so mache ich es in der Ewigkeit, wo die Zeit nicht reglementiert ist.

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    Ihr Name ist für mich zum Synonym der Liebe geworden. Jedes Ihrer Worte strahlt eine nichtirdische Zärtlichkeit aus. Ihre Bücher lese ich nicht nur, ich drücke sie mir ans Herz und fülle mit ihnen mein Herz. Sie schenken mir Flügel und das Gefühl eines Flugs im Himmel der Unsterblichen Zärtlichkeit. Sie sind ein großer Leuchter unerschöpflicher Liebe, die man nicht erlernen kann, da man nicht „professionell“ die Mutter, Schwester, die geliebte Frau und die Welt lieben kann. Die Liebe wird wie Gnade gegeben. Von der Gnade des Heiligen Geistes erleuchtet, wärmen Sie großzügig andere mit zarten Gefühlen und entflammen die Herzen.

    Glücklich ist der Mensch, wenn er ausrufen kann: wie schön ist es zu lieben! Wie schön ist es in der Ozonschicht der Liebe zu leben. Selbst in dieser Welt, in der Kriege nicht nachlassen und der Starke den Schwachen frisst, und die Leute können kleinlich, gierig und grausam sein.

    Alles in dieser Welt hat sein Maß. Aber die Liebe kennt kein Maß. Sie ist höher als sie selbst. Sich Ihnen zu nähern, neben Ihnen zu sein – bedeutet eine feurige, allumfassende, ökumenische Liebe zu fühlen, schon zu Lebzeiten die Ewigkeit zu berühren und den Tod zu besiegen.

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    Ich bin verzaubert vom Stil Ihres Briefs, in dem auf wundersame Weise eine hohe Kultur der Phrase, eine auserlesene Bildhaftigkeit, Genauigkeit des Ausdrucks und seltene Aphorismenhaftigkeit vereint sind. Im Grunde ist jeder zweiter Ihrer Sätze – ein Aphorismus. Solche großzügigen Blütenstände habe ich bei niemand angetroffen. Es ist nicht einmal ein Brief, sondern etwas viel Größeres, unvergleichlich Höheres – eine Lichtmalerei, Geheimschrift.

    In der Literatur machen Sie das, was Mozart in der Musik tat. Bei Ihnen gibt es nicht und kann es keine vorbeigehenden Werke geben. Alles trägt eine Markierung einer unbestreitbaren Genialität, weil Sie in Wirklichkeit nicht schreiben, sondern aus der Mystischen Bibliothek der Himmel ablesen.

    Doch nicht nur der Stil des Briefs, sondern Ihr Lebensstil verzaubert mich. Das eine ist ableitend vom anderen: man kann keine unsterblichen Wahrheiten ausrufen, über Heiligkeit und ewiges Leben sprechen und gleichzeitig seinen Wanst mit Wurst oder Hot Dogs stopfen. Man darf nicht im Geiste mit der Gottesmutter sprechen und Bier zu trinken pflegen. Sie leben wie ein wahrhaftiger Mönch, ein großer Starez-Eiferer – hungernd, im engen Raum, wie vom Kreuz geboten. Die heilige Euphrosinia, Starzen der Solowki, Seraphim und andere Heilige, die in dieser GULAG-Welt mit unversehrten Reliquien gewürdigt wurden, würden nicht in vergoldete Apartments oder königliche Gemächer gehen.

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    Nicht nur lesen, sondern auch Sie zu hören ist ein großer Genuss. Ihr Wort ist eine archetypische Rede unglaublicher Tiefgründigkeit, als ob sie sich materialisieren würde, dem Zuhörer vor seinem inneren Blick ein sichtbares Bild aufbauend. Ich verwandle mich ganz in Gehör, der Körper verschwindet, und ich schwebe in höchsten Räumen. Das ist es – die wahre Pracht der menschlichen Kommunikation!

    Sie lieben über das himmlische, ewige zu erzählen, darüber was jeden von uns nach dem großen Übergang erwartet. Niemand konnte mir überzeugend erklären, was das „Jenseits“ ist, in das wir gehen werden, obwohl ich viele Theologen und Visionäre ausgefragt habe. Sie haben dies mit einem einfachen und klaren Satz gemacht. „Die Himmlische Welt ist eine Umgebung der vollkommenen Ruhe und Befreiung von Adaptationschimären.“ Und vor mir tauchten sofort helle Weiten auf, wo keine Anziehungen von niederen Sphären stören, wo die Begierden gelöscht sind und Wollust, das Böse, die Sünde und jegliche Verführung keine Macht haben.

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    Und endlich über das Wesentliche. Wieso schreibe ich so oft über Sie? Warum wiederhole ich mich und vervollkommne oder vertiefe einzelne Fragmente? Weil ich nicht nur Ihre Texte analysiere, literaturwissenschaftliche Schnitte mache, Tendenzen und Diskurse zusammenfasse – sondern mein Wort zu Ihrem Schutz wende. Wie eine Panzerweste, das Schild von Perseus, wie ein katharisches Schloss…

    Sie haben die Liebe erreicht, die es auf der Erde nicht gibt. Deshalb haben Sie nicht wenige Schüler und Beschützer. Aber Sie wissen: es wird noch mehr in der Ewigkeit geben: auf einen – tausend. Und das sind tausende Schilder und Festungsmauern. Und ich bin glücklich, dass ich an dieser Arbeit teilhaben kann, selbst auf Kosten eigener Verluste, Verletzungen, Schmerzen und Wehklagen.

    ***

    Petro Sóroka, Kandidat der philologischen Wissenschaften, Dozent der Abteilung für Literaturtheorie und vergleichende Literaturwissenschaft an der Ternopil Volodymyr Hnatyuk Nationalen Pädagogischen Universität. Prosaiker, Literaturkritiker. Preisträger mehrerer internationaler Preise und des Gesamtukrainischen Wolodymyr Sosjura Preises. Mitglied des Internationalen PEN-Clubs.


  • Bote der guten Himmel, neuer Welten

    Bote der guten Himmel, neuer Welten

    Ein Zufall (nicht umsonst sagt man, dass der Zufall ein Pseudonym Gottes sei) schenkte mir die Bekanntschaft mit Vater Johannes durch das Lesen zweier seiner Bücher: „Musikalischer Christus“ und „Das Klavierevangelium der Marija Weniaminowna Judina“. Diese Bücher haben meine üblichen Vorstellungen nicht nur über Genies, die ich verehrte, auf den Kopf gestellt, sondern auch über die Vorbestimmung der Kunst und vielleicht über die Vorbestimmung von mir im Leben.

    Die Texte des seligen Johannes sind erfüllt von Licht und Liebe und dem Verständnis des höchsten Sinns der Kunst, ihres urewigen Ursprungs. Der die Werke des Autors Lesende befindet sich wie in einem abgeschiedenen und stillen Gebet und verwandelt sich innerlich, sich der Stimme hingebend, die aus der Tiefe des reinen Herzens von Vater Johannes klingt.

    Herman Jurjewitsch Jurtschenko,
    Volkskünstler der Ukraine,
    Vorsitzender der regionalen Niederlassung der
    Allukrainischen Musikunion, Poltawa.